Coronavirus in Korvatunturi
Corona-Alarm
„Die Situation hat sich außerordentlich schnell verändert. Das Coronavirus hat Korvatunturi erreicht. Dabei dachten wir, dass wir als imaginäre Wesen immun wären“, ging es dem Chefarzt-Elfen nach der Visite durch den Kopf. „Ich muss das Krankenhauspersonal zusammenrufen. Der Weihnachtsmann muss ebenfalls hinzugezogen werden“, murmelte er in Gedanken versunken.
„Willkommen, liebe Krankenhaus-Mitstreiter! Ich möchte euch einen aktuellen Lagebericht geben. Auch dich, lieber Weihnachtsmann, heiße ich willkommen. Ich habe euch heute hier her gebeten, um über die besorgniserregende Situation zu sprechen, die sich durch die anhaltende Ausbreitung dieser neuen Krankheit ergeben hat“, begann der Chefarzt-Elf seine Rede. „Viele der Elfen in der Weihnachtswelt sind bereits erkrankt. Unter den Erkrankten sind Elfen aus den Abteilungen Tischlerei, Strickerei und Elektronik hier in Korvatunturi sowie eine beträchtliche Anzahl von Erkundungselfen. Ich bin in höchstem Maße besorgt. Wenn sich die Krankheit weiter in diesem Tempo ausbreitet, ist das Weihnachtsfest in Gefahr!“ sagte der Chefarzt-Elf.
Im Raum brach ein aufgeregtes Schnattern und Tumult los. Niemand hörte mehr zu und es waren nur sporadisch Sätze zu vernehmen, wie „Schuld sind auf jeden Fall die Erkundungselfen, denn sie haben die fremde Krankheit eingeschleppt. Warum konnten sie nicht einfach ...“ oder “ich habe die Leute aus der IT-Werkstatt in Verdacht, sie haben vor einem Monat an einer internationalen Elfenkonferenz teilgenommen und dort ...“. „Ach du liebe Güte, ähm ... <hüstel> ... <keuch> ...“, hob der Weihnachtsmann an, aber ein Hustenanfall überkam ihn. „Hört sofort mit diesen Anschuldigungen auf“, sagte der Weihnachtsmann ernst. Er wusste nicht genau, ob er amüsiert oder verärgert sein sollte. „Manchmal führt ihr euch wie Menschen auf. Ihr habt gehört, was ich gesagt habe. Es besteht die Gefahr, dass das Weihnachtsfest abgesagt werden muss. Das ist einfach nicht hinnehmbar, <hust> ... <keuch>“, der Weihnachtsmann rang nach Luft und musste seine Ansprache unterbrechen, um sich auf das Atmen zu konzentrieren.
Alle im Elfen-Krankenhaus verstummten. Die Arzt-Elfen betrachteten den Weihnachtsmann mit großer Sorge und tauschten vielsagende Blicke aus. „Wir müssen diese Besprechung augenblicklich abbrechen“, sagte der Chefarzt-Elf. „Anscheinend ist der Weihnachtsmann krank.“ Geht alle nach Hause. Im Laufe des Tages werdet ihr weitere Anweisungen über den Elfenkanal erhalten. Wir werden den Weihnachtsmann gründlich untersuchen und testen. Es kann sein, dass wir strenge Beschränkungen für Zusammenkünfte und das öffentliche Leben in der Weihnachtswelt verhängen müssen, um die Ausbreitung der Krankheit einzudämmen. Wir müssen das Weihnachtsfest retten.“
Abendessen im Krankenhaus
„Vielen Dank, dass ihr mich so schnell aufgenommen habt“, sagte der Weihnachtsmann mit heiserer und kaum vernehmbarer Stimme. Es war Abend im Krankenhaus. Zwei Pflege-Elfen – ein Mädchen und ein Junge, die dem Weihnachtsmann sehr jung erschienen – schwirrten in sehr professionell aussehender Schutzausrüstung um ihn herum. Sie richteten den Weihnachtsmann im Bett auf, um ihm das Essen zu erleichtern, und behielten dabei die Geräteanzeigen im Auge, auf denen die Daten der Sensoren zu sehen waren, an die der Weihnachtsmann angeschlossen war.
„Wir kümmern uns natürlich gerne um dich und alle unsere Patienten. Du bist für uns alle in der Weihnachtswelt sehr wichtig und bei allen sehr beliebt. Die ganze Weihnachtswelt ist praktisch dein Werk und du bist die Seele des Ganzen. Du bringst das Gute in die Welt, erfreust die Menschen und füllst ihre Herzen zumindest einmal im Jahr mit Frieden. Es gibt keine wichtigere Aufgabe als diese. Und wir bringen uns mit unserem Wissen ein“, sagten die Pflege-Elfen wie aus einem Munde.
„Hm, das freut mich zu hören. Vielleicht bringt diese ganze Coronavirus-Situation – so unerfreulich sie auch ist – am Ende doch etwas Nützliches hervor“, dachte der Weihnachtsmann laut.
„Genau“, sagte der Elfenjunge voller Enthusiasmus. „Das ist ein heiß diskutiertes Thema bei Treffen der jungen Elfen und auf Elfsbook“, sagte er. Das Elfenmädchen stimmte ein: „Das Coronavirus ist eine gemeinsame Bedrohung, die sowohl die Menschenwelt als auch unsere Weihnachtswelt zum Stillstand bringt. Die Meinungen über die Ernsthaftigkeit der Bedrohung ändern sich mit zunehmender weltweiter Ausbreitung. Nur sehr wenige Menschen denken, dass es unnötig sei, aktive Maßnahmen zur Eindämmung der Ausbreitung des Virus zu ergreifen. Das Virus hat sich so schnell ausgebreitet, dass es jeden Teil der Erde auf die eine oder andere Weise in Mitleidenschaft gezogen hat“, sagte sie und bot dem Weihnachtsmann Zimt und Zucker für seinen Milchreis an.
„Viele, die die Existenz zunächst leugneten, haben erkannt, dass es nichts an der Situation ändert, wenn sie die Krankheit leugnen, sich für genetisch überlegen halten, Arroganz an den Tag legen, sich über Menschen lustig machen oder eine andere politische Meinung vertreten. Dem Virus ist das egal. Das Virus schert sich nicht um dein Geld oder deine Position oder darum, ob du mit den Mächtigen auf Du und Du stehst. Armeen und Waffen können es nicht schrecken. Es behandelt uns alle gleich. Und es gibt noch kein Heilmittel“, warf der Elfenjunge von hinter seiner OP-Maske ein, während er die Sauerstoffzufuhr über die Nasenbrille, die dem Weihnachtsmann angelegt worden war, regulierte.
„Nun, da sprecht ihr große Worte gelassen aus“, sagte der Weihnachtsmann, schluckte einen Bissen von dem Pflaumenkuchen herunter, der ihm als Nachtisch serviert worden war, und trank etwas heiße Schokolade. „Ich denke auch, dass der Moment in der Geschichte der Menschheit gekommen sein könnte, da etwas Positives und Dauerhaftes als Folge des Kampfes gegen das Virus entsteht.
Die Weihnachtsfrau und der Weltfrieden
„Wie geht es dir heute?“ fragte die Weihnachtsfrau, als sie das Krankenhauszimmer am dritten Tag betrat. Am Bett, auf Stühlen im gebotenen Abstand voneinander entfernt, saßen mehrere Mitglieder des Elfenrates und die Pflege-Elfen, die sich seit dem ersten Tag um den Weihnachtsmann kümmerten. Alle trugen einen Mund-Nasen-Schutz, aber niemand Schutzkleidung. „Alles gut“, sagte der Weihnachtsmann rasch mit einem Anflug vorgetäuschter Heiterkeit in seiner Stimme. „In meinem Fall war es falscher Alarm. Der Coronatest ist negativ ausgefallen. Es war wohl nur eine kleine Grippe, denn, wie ihr hört, meine Stimme ist noch immer nicht wiederhergestellt. Sie behalten mich noch zur Beobachtung hier“, fuhr der Weihnachtsmann fort.
„Angeregt durch die beiden jungen Pflege-Elfen und vor dem Hintergrund der Einladung des Weihnachtsmannes hierher haben wir darüber nachgedacht, wie das Coronavirus etwas Gutes für die Menschheit und die Weihnachtswelt auslösen könnte. Du bist herzlich zum Gedankenaustausch eingeladen“, sagte der Vorsitzende des Elfenrats. In der Zwischenzeit hatte der Elfenjunge seinen Stuhl der Weihnachtsfrau überlassen und war aus dem Zimmer geeilt, um sich aus dem Nachbarzimmer einen neuen zu holen.
„Wir haben vier Voraussetzungen herausgearbeitet, die erfüllt sein müssen, damit die Menschheit die nächste Stufe ihrer Entwicklung erreichen kann. Wir glauben, dass drei der vier bereits erfüllt sind. Erstens muss das allgemeine technische Wissen und wissenschaftliche Know-how der Menschen ein solch hohes Niveau erreichen, dass die Produktion von Nahrungsmitteln und Bedarfsartikeln unbeschränkt ist. Zweitens muss der Transport von Menschen und Gütern unglaublich schnell vonstattengehen, und drittens müssen digitale Informationen fast alle Bewohner unseres Planeten erreichen, und zwar praktisch gleichzeitig, wenn es notwendig ist“, fasste der Schriftführer des Elfenrats zusammen, der sich während der Gesprächsrunde Notizen gemacht hatte.
„Diese Faktoren bilden das Rahmenwerk für eine Welt, in der sich die Menschheit geeint und gleichberechtigt entwickeln kann. Auf die Pandemie könnte eine friedvollere Ära folgen. Es gäbe Friede auf Erden, Pax Mundi. Es wäre kein Stillstand, sondern Fortschritt, wenn wir uns weiterentwickelten und dabei ein Gleichgewicht und Gerechtigkeit aufrechterhielten; wenn wir dabei auch andere Arten, sowohl Tiere als auch Pflanzen, einbeziehen würden“, fiel der Rest der Gruppe enthusiastisch und einmütig ein, während der Weihnachtsmann kurz husten musste. Es brach wieder einmal das elfentypische Stimmengewirr aus. Der Weihnachtsfrau gelang es irgendwie, in dem Durcheinander eine gemeinsame wichtige Botschaft auszumachen.
„Doch ihr glaubt, dass der Menschheit noch immer etwas fehlt, richtig?“, fragte die Weihnachtsfrau, während sie aus einem Korb mitgebrachte Leckereien herausholte: Roggen-Malz-Brot, Maränentatar, Ingwergebäck, Zimtsterne, Dattelkuchen und Glühwein. „Ihr spracht von vier Voraussetzungen. Ihr habt aber bislang nur drei genannt. Ich glaube, ich kann die vierte erraten, aber bitte klärt mich auf, nachdem ihr alle etwas von diesen Speisen genommen habt“, sagte sie und blickte in die Runde, während sie einem nach dem anderen mit einem auffordernden Nicken davon anbot.
Der vierte Faktor ist der Schlüsselfaktor
Die Kommentare der Pflege-Elfen und die darauf folgende Diskussion lassen sich wie folgt auf den Punkt bringen:
Die vierte Voraussetzung, die erfüllt sein muss, um Weltfrieden zu erreichen, ist im Kopf der Menschen. Menschen sind Teil des Kontinuums aus Tierreich und Evolution. Die Anatomie eines Menschen ist – ähnlich wie die Entwicklung vom Embryo bis zur Geburt – genetisch mit der Urzeit und dem Beginn der Entwicklung des Lebens auf der Erde verbunden.
Leider hat es in der Geschichte der Menschheit, wie auch in der modernen Zeit, immer wieder Menschen und Gruppen gegeben, die einen besonderen Status für sich beanspruchen und glauben, einer gegenüber dem Planeten und anderen Menschen privilegierten Klasse anzugehören. Einige dieser Menschen glauben noch immer, das Vorrecht auf ein besseres Schicksal als das ihrer Mitmenschen zu haben, selbst im Tode. Von einer alles überragenden Macht oder vom Leben verliehene Sonderrechte!
Wie die vierte Voraussetzung erfüllt werden kann, bleibt zu ergründen. Durch die Jahrtausende haben Menschen Ideen entwickelt und Schriften verfasst, um die Probleme in Bezug auf ein gutes Leben und eine gerechte Gesellschaft zu lösen. Die Geschichte hat viele Sichtweisen und praktische Versuche hervorgebracht. Wenn die Geschichte eines gezeigt hat, dann, dass es nicht die EINE Wahrheit oder den EINEN Weg gibt. Jeder Mensch ist als Individuum wichtig. Gleichzeitig ist jede Person ein Experiment, aus dem neue Wege für die Natur und das Leben entspringen können.
Die Menschen müssen ihre Denkweise ändern, um im Leben neue Wege zu beschreiten. Weniger Reaktionen aus dem Bauch heraus, dafür mehr Reflexion der eigenen Gefühle und Gedanken sowie mehr Respekt für andere Menschen und ihre Meinung. Und ganz wichtig: mehr Taten auf diese neuen Werte und diese neue Geisteshaltung folgen lassen. Wenn es erst mehr solche Menschen gibt, werden wir bessere Gesellschaften aufbauen, die gemeinsam auf eine bessere Welt, einen intakteren Planeten und den Weltfrieden hinarbeiten können.
„War das nicht eine erfrischende Unterredung, die wir da hatten“, sagte die Weihnachtsfrau im Anschluss an die Zusammenfassung. „Im Laufe der Jahrhunderte habe ich auch so einiges zusammengetragen und niedergeschrieben. Oftmals dann, wenn der Weihnachtsmann auf Tour war, meine Gedanken sich um die Festtage drehten und die Tage allmählich länger wurden. Auch ein paar Gedichte sind dabei, aber die lassen wir mal beiseite. Was die Evolution und Zukunft der Menschheit betrifft, kann ich euch mein Rezept für die Erfüllung der vierten Voraussetzung verraten“, verkündete sie. „Es ist nicht sehr lang. Und an Weihnachten kann man doch nie genug gute Rezepte haben“, sagte die Weihnachtsfrau mit einem verschmitzten Lächeln und schickte erneut eine Schachtel mit Pralinen in die Runde.
*) Aus einem finnischen Lied von Reino Helismaa
„Hast du dir das wirklich alles selbst ausgedacht, meine Liebe?“, fragte der Weihnachtsmann am Abend nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus. Er versuchte, seine Überraschung zu verbergen, was ihm nicht gelang. „Ja, habe ich“, entgegnete die Weihnachtsfrau barsch, da ihr der Unterton natürlich nicht entgangen war. „Nicht alles Strahlende dieser Welt entstammt derselben Quelle, das solltest du wissen. Wir alle – Menschen und Angehörige der Weihnachtswelt gleichermaßen – haben unsere eigenen Gedanken und unser eigenes Leben. Jeder trägt etwas in dieser Welt bei. Je mehr Kerzen angezündet werden, desto heller ist unser Weg vorwärts“, resümierte sie nun mit mehr Wohlwollen in ihrer Stimme und tätschelte dem Weihnachtsmann die Wange.
„Du, mein Liebster, musst jetzt einfach gesund werden. Du und der Geist der Weihnacht und die festlichen Traditionen sind für viele Kinder und Erwachsene in aller Welt ein wichtiges Licht auf dem Weg zu einem besseren Leben. Weihnachten steht vor der Tür. Jeder braucht Vorbilder. Der Weihnachtsmann steht für Selbstlosigkeit, Fürsorge, Nähe und Freundlichkeit zwischen allen Menschen und Völkern. Und die Tatsache, dass du nur in der Vorstellung existierst, ist ein großer Vorteil. Sie macht dich zu einem unvoreingenommenen Botschafter der Tugend in der ganzen Welt.
