Der Weihnachtsmann spricht über die Pforten zur Weihnachtswelt
„Ich heiße euch alle herzlich willkommen zu dieser Veranstaltung an den Pforten zur Weihnachtswelt!“, sagte der Weihnachtsmann und trat auf der Bühne ans Mikrofon. Er fuhr fort: „Diese Veranstaltung wird live in die ganze Welt gestreamt. Dort, wo sie nicht per Stream empfangen werden kann, werden wir es über Elfenmedien, menschliche Vorstellungskraft und Traumvisionen – mit anderen Worten über die Traumverbindung – an alle Menschen
senden. Eine Aufzeichnung der Veranstaltung wird auf Elfbook zur Verfügung
gestellt.“
„Ihr seid zu dieser Veranstaltung vor den Pforten der
Weihnachtswelt eingeladen worden, weil wir einen offeneren und persönlicheren
Zugang zu allen Menschen auf der Welt suchen wollen. Wir wollen gegen
Egozentrik, gesellschaftliche Ungerechtigkeit und eine besitzorientierte
Lebensweise angehen, bei der sich allzu viele von uns auf das konzentrieren,
was sie sich selbst wünschen, sogar an Weihnachten. Niemand besitzt die
Weihnachtswelt. Die Weihnachtswelt existiert unabhängig von Religionen,
Kulturen, Sprachen, Raum und Zeit oder Umständen. Sie ist auf immer und ewig
für alle da. Die Weihnachtswelt steht für gute Taten und noble Überzeugungen.“
„Ich hoffe, es ist für euch in Ordnung, wenn ich eine kurze Einleitung zu dieser Konferenz gebe. Der Beginn meiner Rede mag düster wirken. In Anbetracht der aktuellen Situation der Menschheit erachte ich dies jedoch für notwendig. Aber ich glaube, dass die Diskussion am Ende dieser Veranstaltung auch viel Hoffnung und Licht spenden wird.“
„Der Zeitpunkt von Weihnachten erscheint für viele Menschen auf der Welt recht willkürlich. Weihnachten findet auf der Nordhalbkugel in der dunkelsten Zeit des Jahres statt. Diese Zeit des Jahres wird seit jeher in irgendeiner Form gefeiert. Es ist noch gar nicht so lange her, dass die Menschen die Gründe für die Veränderungen der Tageslänge und der Lichtmenge ergründet haben. Dies ist ein weiterer Grund, warum diese Zeit als Wendepunkt von der Dunkelheit zum Licht und vom Tod der Natur zum Erwachen neuen Lebens Teil des Jahreszyklus ist und eine so große Symbolkraft hat. Wegen dieser starken Symbolik haben verschiedene Religionen versucht, die Zeit um die Wintersonnenwende für sich selbst oder für ihren Gott bzw. ihre Götter und den damit verbundenen Glauben zu vereinnahmen.
Damit bin ich beim Kern der Sache angelangt. Der Weihnachtsmann steht für das Gute in den Menschen – als Individuen oder Menschheit, die danach strebt, Gutes zu tun, sich aber ihrer Grenzen bewusst ist; und es gibt mich schon seit Hunderttausenden von Jahren. Seither habe ich Tausende von Göttern kommen und gehen sehen. Selbst heute noch glauben die Menschen an Tausende von verschiedenen Gottheiten. Und dies wird sich möglicherweise auch nicht ändern.
Es ist auch nichts falsch daran zu glauben. Probleme gibt es nur dann, wenn Menschen diese Götter so definieren und deuten, wie es ihnen in den Kram passt, um ihre eigenen, meist egoistischen Ziele zu verfolgen. Die Götter, die das Universum erschufen, das für den menschlichen Verstand zu groß ist, um es zu begreifen, werden vor den Karren der Interessen von Einzelpersonen und kleinen Gruppen gespannt, die andere Gruppen verachten oder gar versuchen, sie zu zerstören. Viele Götter, sowohl neue als auch altertümliche, erscheinen wie alte, wütende, rachsüchtige und bigotte Stammesführer, die über ihren eigenen bevorstehenden Untergang bestürzt sind und beschließen, andere dafür zu bestrafen.
Von Menschen geformt werden Götter zum Abbild menschlicher Selbstsucht. Der Glaube wird zur Religion. Klerus und Eliten werden für die Religion gebildet und nutzen – zusammen mit Eliten der Finanzwelt und Politik – ihren Gott und die heiligen Schriften als Mittel, um die Menschen zu Werkzeugen ihres Willens zu machen. Viele Religionen, die ursprünglich eine Bewegung waren, die für Güte und Gerechtigkeit eintrat, spalten sich in Sekten auf. Sie bilden organisierte, starre Strukturen mit Dogmen oder Tugendpfaden, die verinnerlicht werden müssen. Und der ursprüngliche Glanz und das Licht der Wahrheit und Tugend werden zum Schwert und zur Fessel der Lüge und Ungerechtigkeit.
Religiöse Botschaften nisten sich in den Köpfen der Menschen ein, die von Kindesbeinen an unter ihrem Einfluss aufwachsen. Götter, die von Menschen zu verschiedenen Zeiten erschaffen wurden, führen dann einen erbitterten Machtkampf. Religionen vermitteln den Gläubigen häufig das Gefühl, dass der allmächtige Gott stetige Aufmerksamkeit, Beschwichtigung und Abbitte fordert. Manche Menschen glauben, dass sie für ihre Götter Zeugnis ablegen und sie gegen andere Götter und deren Anhänger verteidigen müssen, sogar mit Waffengewalt. Die Machtverhältnisse zwischen Menschen und Göttern werden auf den Kopf gestellt. Von Menschen zu ihren Zwecken missbrauchte Götter werden in Kriege zwischen Nationen und Religionen sowie Auseinandersetzungen zwischen Menschen verwickelt.
Deshalb geben Religionen bestimmte Tugendpfade, Anforderungen und genaue, oft sehr strenge Regeln vor, an die sich die Menschen ihr Leben lang halten müssen. Viele Religionen betonen, dass ihr Glaube und ihre Götter die einzig wahren sind. Sie erklären ihren Anhängern, dass Menschen anderer Religionen Ketzer seien. Welches Urteil beim Jüngsten Gericht über eine Person gefällt wird, hängt davon ab, ob die Person die von ihrer Religion vorgegebenen Pfade eingeschlagen oder sie missachtet hat. Ihr Leben nach dem Tod wird allein dadurch bestimmt.
Von diesen Pfaden möchte ich den Bogen zu den Pforten der Weihnachtswelt schlagen. Die wichtigste Botschaft, die der Weihnachtsmann und die Weihnachtswelt vermitteln wollen, ist die Botschaft des Wohlwollens, der Aufrichtigkeit, der Gerechtigkeit, der Hoffnung und der Liebe. Jeder Mensch darf die Weihnachtswelt betreten. Sie ist eine Art Paradies, in das wir schon zu Lebzeiten eintreten können, denn ihre Pforten stehen immer offen. Auch wenn fast alle schon von der Weihnachtswelt gehört haben, ist der Weg dorthin nicht so einfach zu finden. Die Weihnachtswelt ist eine Welt der Gedanken, Worte und vor allem der Taten. Aber dies sind individuelle Ansichten und Taten – also eure persönlichen – und sie sind nicht automatisch gerecht.“
„Dabei will ich es vorerst belassen. Jetzt seid ihr an der Reihe, eure Meinung kundzutun oder Fragen zu stellen“, schloss der Weihnachtsmann seine Einleitung, die zu einer Art Predigt geworden war.
„Ich habe eine Frage!“, rief jemand laut über die Traumverbindung, die von den Elfen bereitgestellt wurde. Der Frage nach zu urteilen, hätte die Person aus den USA, Finnland, Russland, Ungarn, Israel, Saudi-Arabien, China, Indien, Süd- oder Nordkorea, der Ukraine, Schweden, der Türkei oder jedem anderen Land kommen und jeder Religion oder sozialen Schicht angehören, jede politische Ansicht vertreten und jedes Geschlecht haben können.
„Was macht es schon, wenn Naturgesetze, ständiger Kampf und das Überleben des Stärkeren die Regeln sind, die uns als Individuen, Gemeinschaften, Nationen, Religionen usw. bestimmen? Die Gewinner bekommen alles, die Verlierer verlieren. So ist das Leben, oder?“, fuhr die Stimme über die Fernverbindung fort und klang jetzt einigermaßen aufgebracht und trotzig.
„Die Frage ist berechtigt“, sagte der Weihnachtsmann ruhig. „Unterscheiden sich Menschen überhaupt von den Tieren? Schließlich ist der Mensch als Spezies Teil des Tierreichs. Körperliche und geistige Dominanz sowie finanzielle Stärke, Gewalt und die Unterdrückung anderer sind oft der Schlüssel zum Sieg in dem von dir genannten Kampf. Aber die Evolution hat der Menschheit die Möglichkeit gegeben, bedeutendere und nachhaltigere Entwicklungen anzustoßen, die nicht nur der unmittelbaren Befriedigung und dem alleinigen Eigennutz dienen. Diese Entwicklungen gründen auf „angeboren menschlichen Werten“.
„Ich habe auch eine Frage!“, rief jemand aus der Menge mit erhobener Hand. „Habe ich das richtig verstanden, dass der Weihnachtsmann nichts Gutes in Religionen oder Glauben sieht?“
„Ich entschuldige mich für meine einseitige Kritik an Religionen. Die meisten Religionen und ihre Lehren verfolgen gute Ziele und Ideen, die, sofern die Menschen sie im Alltag umsetzen, definitiv nützlich sind. In vielen Situationen brauchen die Menschen Rat und Trost. Alle Menschen erfahren irgendwann in ihrem Leben Leid und Enttäuschungen. Stressoren wie die eigene Erkrankung oder die eines geliebten Menschen, andere traurige Ereignisse und schließlich das Bewusstsein unserer eigenen Vergänglichkeit können dazu führen, dass Menschen inmitten der Ungewissheit nach Sinn und Zuversicht suchen“, beschloss der Weihnachtsmann seine Antwort.
„Ich möchte eine andere Perspektive in diese Diskussion über Religion einbringen“, sagte der nächste Redner und fügte hinzu: „Jedes Ding hat zwei Seiten. Eine Religion auszuüben, sich politisch zu engagieren oder Fan einer Fußballmannschaft zu sein, kann einer Person positive, sinnstiftende, glückliche und wichtige Erfahrungen bescheren. Probleme entstehen hingegen durch Fanatismus. Wenn du dein eigenes Denken oder das Denken der Gruppe, die du vertrittst, zu sehr in den Vordergrund stellst und an diesen Ideen festhältst, auch wenn Fakten gegen sie sprechen, führt das zu Problemen. Das Hauptproblem ist die Arroganz, die sich aus dem Glauben an die Unfehlbarkeit des eigenen Gottes und -ismus ergibt, sowie die Dreistigkeit und sogar Grausamkeit, die anderen gegenüber an den Tag gelegt wird. Diese haben ihre Wurzeln stets in verqueren Vorstellungen sowie extremer Engstirnigkeit und Bigotterie, die Einzelne und Gruppen in ihren Gedanken und Einstellungen gegenüber anderen zeigen.“
„Ich habe auch eine Frage an den Weihnachtsmann und an euch alle“, war eine eher zögerliche und unsichere Stimme über die Traumverbindung zu vernehmen. „Einige der Zuhörer sind vor Ort anwesend, während der Rest von uns das Geschehen über die Traumverbindung verfolgt, wenn auch etwas schlaftrunken und benommen. Aber ich für meinen Teil kann keine Pforten sehen. Wo sind die Pforten zur Weihnachtswelt, die in der Einladung erwähnt wurden? Kann jemand von euch sie sehen? Angeregt durch die Einführung des Weihnachtsmanns habe ich mir dazu einige Gedanken gemacht.“
„Ich hatte gehofft, dass diese Frage in der Diskussion auftauchen würde. Bitte sag uns, was du darüber denkst“, sagte der Weihnachtsmann in einem ermutigenden Tonfall.
„Bitte werft alle einmal einen Blick zurück. Ich meine, schaut euch euer eigenes Leben und eure eigene Geschichte an. Habt ihr die Pfade und Pforten bemerkt, denen ihr fast täglich begegnet? Das sind Situationen, in denen ihr auf der Grundlage eurer Werte Entscheidungen treffen konntet und musstet, z. B. die Wahl zwischen einer Ungerechtigkeit gegenüber anderen und eurem eigenen persönlichen Vorteil oder zwischen kurzfristigem Hedonismus und langfristigem spirituellen Wachstum. Welche Werte, Überzeugungen und Gründe haben euch bei euren Entscheidungen, eurem Verhalten und euren Worten in diesen Situationen geleitet? Die erste dieser Pforten heißt „Was springt für mich dabei heraus?“, die zweite heißt „Angeborene menschliche Werte“. Ihr müsst und könnt nicht immer die zweite Pforte wählen, und ihr solltet es auch nicht immer tun, aber das ist die Pforte zur Weihnachtswelt“, schloss der Redner.
„Danke!“ rief der Weihnachtsmann sichtlich erfreut aus: „Eine bessere Zusammenfassung hätte ich mir nicht wünschen können. Und natürlich werdet ihr alle in Zukunft auf diese Pforten stoßen, so wie es auch in der Vergangenheit der Fall war. Die Pforten „Was springt für mich dabei heraus?“ sind oft groß, verlockend und gut beleuchtet. Sie sind meist auch stark frequentiert. Menschen, die diese Pforten durchschritten haben, vergessen häufig schnell die Vorteile, die sie erlangt haben, und halten Ausschau nach der nächsten Pforte. Die Pforten „Angeborene menschliche Werte“ mögen unscheinbar und bescheiden aussehen, und sie befinden sich nicht immer an den Hauptpfaden. Aber sie sind da. Und je öfter wir nach diesen Pforten Ausschau halten und sie – manchmal unter großen Schwierigkeiten – durchschreiten, desto effektiver wird der Geist von Weihnachten immer und überall in die Praxis umgesetzt. Und desto besser wird die Welt, in der wir leben. Und desto besser fühlen sich die Menschen. So sind sie, die Pforten zur Weihnachtswelt“, schloss der Weihnachtsmann.
Herzliche Grüße,
der Weihnachtsmann
