Ich wünsche mir zu Weihnachten „neue Augen“

Lieber Weihnachtsmann,

seit 45 Jahren ist es das erste Mal, dass ich Dir schreibe. Möglicherweise kennst Du die Geschichte bereits, mit der ich meinen Brief beginne. Die Weihnachtselfen waren ja schon unterwegs, als meine Mutter noch ein Kind war, und sie haben bestimmt etwas von den Ereignissen in ihrem Leben damals und auch später mitbekommen. Auch ich erinnere mich sehr gut an Deine alljährlichen Besuche bei uns in meiner Kindheit. Du brachtest auch immer ein paar Geschenke für meine Mutter mit. Ich hoffe, Du wirst meinen Brief bis zum Ende lesen, denn es mag zwar zunächst nicht so aussehen, aber ich habe einen Weihnachtswunsch

Mutter

Meine Mutter wurde am 22. August 1936 geboren. Ihre Eltern hatten bereits fünf Kinder, von denen das älteste 12 Jahre alt war. Sie lebten in Armut. Während der Schwangerschaft ihrer Mutter ließ ihr Vater seine Frau und seine Kinder im Stich und ging fort. Meine Mutter wurde somit als sechstes Kind einer alleinerziehenden Mutter geboren, die nicht wusste, wie sie ihre Kinder durchbringen sollte. Die Zeitungsanzeige, die dem Leben meiner Mutter eine dramatische Wendung gab, erschien im Winter 1938 in der Helsingin Sanomat. Die Anzeige war klein und unscheinbar. Aber sie war der Flügelschlag eines Schmetterlings, der einen Taifun im Leben meiner Mutter auslöste. Der Anzeigentest lautete ungefähr so: Artiges 18 Monate altes Mädchen sucht ein gutes Zuhause. Dem kurzen Text folgte eine Telefonnummer.


Meine Großeltern, zumindest hielt ich sie bis zu ihrem Tod dafür, meldeten sich auf die Anzeige. Mein Opa arbeitete in Strömberg als Elektriker und meine Oma war Frisörin. Sie lebten im Stadtteil Töölö in Helsinki. Lange hatten sie versucht, ein Kind zu bekommen, aber alle Schwangerschaften endeten in Fehlgeburten. Die kleine Anzeige änderte ihr Leben genauso radikal wie das meiner Mutter. Meine Großeltern adoptierten sie und zogen sie groß. Ich erinnere mich, dass ich mich immer gewundert habe, weil meine Großeltern keine Babyfotos von meiner Mutter hatten. Das erste Bild meiner Mutter zeigt sie Hand in Hand mit meiner Großmutter bei einem Spaziergang im Park. Auf dem Foto ist sie etwa 2 Jahre alt. Was ich heute weiß, erklärt natürlich auch, warum meine Mutter ein Einzelkind war und warum ich keine Tanten, Onkel, Cousins oder Cousinen auf ihrer Seite habe.
Die Zeitungsanzeige hat das Leben meiner Mutter in vielerlei Hinsicht geprägt. In ihrem Leben gab es viel Gutes. Meine Großeltern zogen sie wie ihr eigenes Kind auf. Im Alter von 16 Jahren verbrachte sie den Sommer mit einer Freundin in England, was damals ungewöhnlich war. Sie wurde Ärztin mit Fachgebiet Kinderpsychiatrie. Sie bekam mit meinem Vater drei Kinder – ich bin das älteste. Die Jahre vergingen, meine Geschwister und ich wuchsen heran, gingen zur Schule, studierten, verließen das Elternhaus und gründeten eigene Familien. Meine Mutter erlebte all diese Phasen und war ein Teil davon, bevor sie 2009 starb. Doch dies ist nicht die ganze Geschichte und auch nicht die wichtigste Auswirkung der schicksalhaften Zeitungsanzeige. Meine Mutter kam einfach nie darüber hinweg. Ihre eigene Mutter hatte sie weggegeben. Warum, warum nur?


Als junger Teenager erfuhr meine Mutter von meiner Großmutter, dass sie adoptiert worden war. Es war keine Überraschung für sie, da sie bereits unter den Kindern von Freunden und Verwandten Gerüchte darüber gehört hatte. Schon als sie lesen gelernt hatte, hatte sie die Unterlagen meiner Großmutter durchsucht und die Adoptionspapiere gefunden. Sie wusste also Bescheid. Als sie älter wurde, verstand sie die Gründe, und doch sind ihre ganze Persönlichkeit, ihre Entscheidungen, ihr Lebensweg in dieser Zeitungsanzeige verwurzelt. Warum? Wer bin ich? Warum wollte meine Mutter mich nicht?


Für meine Mutter war es immer wichtig, niemanden zu brauchen. Ihr Streben nach Unabhängigkeit war extrem. Dies galt auch für ihre Beziehung zu ihrem Ehemann, meinem Vater. Sie wollte niemandem etwas schuldig sein – weder Geld noch einen Gefallen. Sie hatte wenige Freunde, aber zu den wenigen hatte sie ein sehr enges und inniges Verhältnis. Sie hasste es, etwas vorzutäuschen. Um Antworten zu finden, wurde sie Kinderpsychiaterin. Bei der Behandlung ihrer Patienten versuchte sie, auch ihre eigene tief sitzende Wunde zu heilen. As Kind ihrer Adoptivmutter hatte sie das Gefühl, die Erwartungen und Ansprüche meiner Oma an ihre ungeborenen Kinder erfüllen zu müssen. Sie fühlte sich dem einfach nicht gewachsen.


Sie hatte ein gutes Leben und war mir die beste Mutter, die ich mir vorstellen kann. Ich bin glücklich und dankbar, dass sie Teil meines Lebens war. Aber ich denke, dass sie die meiste Zeit ihres Lebens, einschließlich ihrer späteren Jahre, nicht glücklich war. Sie hätte gerne die Zeit zurückgedreht und einen anderen Weg eingeschlagen – einen, auf dem sie mehr Zeit mit ihrer leiblichen Mutter verbracht hätte. Keine Entscheidung, keine Begebenheit und keine Errungenschaft ihres späteren Lebens konnte wettmachen, was sie als folgenschweren Fehler ansah. Ich denke, dass sie nie gelernt hat, ihr eigenes Leben und ihr Umfeld mit objektivem Blick zu betrachten und dabei glücklich zu sein. Und das mache ich ihr nicht zum Vorwurf. Aber sie maß alles an der Zeitungsanzeige, und die Tränen, die ihre Augen füllten, brachten die Bitterkeit des Verlassenwerdens, des endlosen Suchens und unbeantworteter Fragen mit sich.

Mein Weihnachtswunsch

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