Der Weihnachtsmann lässt den Igel aus dem Sack
Vorwort
I. Akt: Der Weihnachtsmann sinniert über die Kernaussage von Fuchs und Igel
„Der Fuchs weiß etwas über viele kleine Dinge. Doch der Igel weiß viel über eine wichtige Sache“, entfuhr es dem Weihnachtsmann, als er das Buch zuschlug, in dem er gelesen hatte. Das Buch handelte von Gerechtigkeit, Moral und Ethik. „Horch, meine Liebste, was mir in den Sinn kommt, wenn ich die Kernaussage dieser klassischen Figuren für die moderne Welt deute“, sprach er zur Weihnachtsfrau.
„Der Fuchs ist gerissen und oft auch schlau. Er wählt immer den Blickwinkel, der ihm am meisten nützt. Er bricht potenziell wichtige Angelegenheiten auf kleine Teilaspekte herunter und zerredet sie Stück für Stück. Er weiß über alles ausreichend Bescheid, um sich egoistisch zu verhalten, und ihn kümmert nichts genug, als dass er das große Ganze oder die Bedürfnisse anderer Menschen oder Tiere sehen würde. Der Fuchs kann keinen anderen Sinn für die Zukunft sehen als seinen eigenen Vorteil und die Vermehrung seiner Macht und seines Erfolgs …“
Die Stimme des Weihnachtsmanns ging in ein schmatzendes Brummeln über, als die Weihnachtsfrau ihm ein frisch gebackenes, mit Dörrpflaumen gefülltes Plunderstück reichte. „Mmh, köstlich …“, brachte er heraus, „aber es geht noch weiter:“
„Die Igel haben das große Ganze im Blick – zuweilen auf Kosten der Realität oder Details. Sie haben einen Traum, der größer ist als sie selbst. Ihr Ziel ist es, den Weg zu ebnen, damit sie und andere gleichzeitig ein gutes Leben führen können. Die Verwirklichung dieses Traums ist eine Suche nach Wahrheit, Gerechtigkeit und Gleichberechtigung. Die Idee ist es, offen für Fragen zu sein, statt immer gleich eine Antwort parat zu haben. Mehr zuzulassen und zu akzeptieren als einzuschränken und zu verbieten. Im Einklang mit anderen Menschen, der Natur und dem gesamten Universum zu leben. Manchmal gehen sie vielleicht ungeschickt vor und sind sich nicht sicher, welche Mittel nötig sind, aber sie schreiten dennoch unbeirrt voran.“
„Nun, was meinst du dazu?“, fragte der Weihnachtsmann sichtlich erfreut über seinen Diskurs. Er nahm seine Tasse mit heißem, dampfendem Saft in die Hand, pustete ein wenig und nahm vorsichtig einen Schluck.
„Als junges Mädchen habe ich auch Legenden gelesen. Du machst dir Gedanken über das Wesen der Menschen“, überlegte die Weihnachtsfrau. „Ich glaube, wir Menschen und Elfen erkennen uns zu einem guten Stück sowohl im Fuchs als auch im Igel wieder. Möglicherweise gewinnt im täglichen Leben meist der Fuchs“, folgerte sie, während sie das Kaminfeuer in der Hütte schürte.
II. Akt: Der Weihnachtsmann trifft im Traum auf Donald und Xi
„Xi – ich hoffe, ich darf Sie beide beim Vornamen nennen –, es hat mich sehr gefreut, dass ich Sie vor ein paar Jahren bei Ihrem Besuch Finnlands hier im Weihnachtsdorf begrüßen konnte. Während unseres Treffens spürte ich tief in Ihrem Inneren Ehrlichkeit und Wärme. Und an Sie, Donald, kann ich mich ebenfalls gut erinnern, schon seit Sie ein kleiner Junge waren. Meine Helfer und ich haben Ihre Lebenswege über viele Jahre verfolgt. Bei Xi zu Hause gab es keine Weihnachtsfeierlichkeiten, aber für Sie, Donald, waren die Feiertage trotz der noblen Umgebung problematisch, in der Regel wegen Ihres älteren Bruders. Es tut mir übrigens sehr leid, dass er so früh verstorben ist.“
„Vielleicht ahnen Sie beide schon, warum wir in diesem Traum zusammen sind. Sie sind aktuell die zwei einflussreichsten Staatschefs. Ich möchte mit Ihnen über den Fuchs und den Igel sprechen. Sie wissen sicher, was ich meine. Nun, ich kann in Ihre Herzen sehen, und in diesem Traum werde ich uns allen Ihre Gedanken offenbaren. Xi, Sie können beginnen. Sind Sie ein Fuchs oder ein Igel?“, fragte der Weihnachtsmann.
Obwohl er sich in einem Traum befand, erinnerte sich Xi noch sehr genau, dass sein Vater, der eine wichtige Position innehatte, ihm nach der „Säuberung“ nicht helfen konnte. Xi war damals gerade mal zehn Jahre alt. Eine Träne rollte über seine Wange, als er stammelte: „Nur die Starken überleben, die Schwachen werden untergehen … oder zumindest werden sie hinweggefegt. Entwicklung erfordert Einvernehmen und eine starke Führung. Unter meiner Herrschaft wird mein Land die führende finanzielle, politische und militärische Kraft in Asien und der ganzen Welt werden.“
„Was ist mit Ihnen, Donald. Sind Sie ein Fuchs oder ein Igel?“, fuhr der Weihnachtsmann fort, ohne auf die Antwort von Xi einzugehen.Da Donald der Lebensweg von Xi vor Augen geführt wurde und er dessen Gefühle im Traum spüren konnte, fühlte er Neugier und Mitleid gegenüber dem anderen Staatschef. „Ich bin großartig. Ich bin der Beste, der je … ähm … Nun ja, es ist richtig, dass ich mit harten Bandagen kämpfe. Aber so funktioniert die Welt nun mal. Man muss hart sein, um Erfolg zu haben. Sie beide haben gesehen, welche Erfolgsgeschichte ich um mich herum aufgebaut habe, und bald wird mein Land die Vorherrschaft haben und die größte militärische Macht sein. Niemand wird uns diese Position streitig machen können, nicht einmal …“ Donald sprach hitzig, aber ein wenig aus der Defensive heraus. Er vollendete seinen letzten Satz nicht, sondern nahm einen großen Bissen von dem Plunderstück, das der Weihnachtsmann ihm anbot.
„Ihre Erfolge und Ihre Reichtümer sind unbestritten. Doch bedenken Sie auch, dass Sie dank der Arbeit und der Ressourcen Ihres Vaters einen Startvorteil hatten“, bemerkte der Weihnachtsmann und blickte ihm dabei direkt in die Augen.
„Es wird Ihnen beiden nicht entgangen sein, wie ähnlich und zugleich kontrovers Ihre Aussagen sind. Wenn das Leben in dieser Welt nicht mehr als der Wettstreit um Macht ist, wird die Menschheit zugrunde gehen. Bei einem Wettkampf gibt es nur einen Gewinner und viele Verlierer, was keine Garantie für das Glück des Gewinners ist. Die Geschichte ist voll von gescheiterten Gewinnern. Vorherrschaft führt immer zur Ausbeutung der Schwächeren, gefolgt von Revolutionen und Kriegen“, predigte der Weihnachtsmann mit sanfter Stimme, während er den Staatschefs weitere Plunderstücke anbot und selbst eines nahm.
„Ich entlasse Sie beide jetzt in Ihre Träume, damit Sie darüber nachdenken können. Was Füchse und Igel betrifft, so ist es nicht zu leugnen, dass die Welt überwiegend von Füchsen geführt wird. Die Welt hat sich weiterentwickelt, aber den Preis dafür zahlen häufig unterdrückte Menschen und Kulturen.
Unsere Zukunft könnte anders aussehen. Unsere Fertigkeiten und unser Wissen haben ein Stadium erreicht, von dem aus wir die nächste Stufe erreichen können. Ich würde das als herz- und kulturgesteuerte Entwicklung bezeichnen. Die Welt und die Menschheit benötigen mehr Igel – oder Igelqualität – in Führungspositionen. Sie können den Igel in sich fördern und alle Menschen dabei anleiten, zusammen eine bessere Welt zu schaffen – mit Worten und vor allem mit Taten.“
„Ich rufe Sie morgen an, Xi“, sagte Donald schläfrig und gähnend. Bevor Xi etwas antworten konnte, waren beide eingeschlafen. Ihre Mundwinkel waren mit Puderzucker bedeckt, während sie in den gemütlichen Sesseln am Feuer schliefen.
III. Akt – Später bei der UN-Vollversammlung
Der Staatspräsident Xi Jinping fuhr fort: „Es ist klar, dass wir zwei alleine nicht alle Konflikte lösen können. Daher fordern wir alle Länder, ihre Regierungen und ihre Bürgerinnen und Bürger auf, die Vorgehensweisen mit uns zu erneuern. Die größte Herausforderung der internationalen Kooperation besteht darin, dass wir alle wie schlaue Füchse zu unserem eigenen Nutzen agieren. Dies hat dazu geführt, dass wir Angelegenheiten aus einem individuellen Blickwinkel betrachten, dass die verhandelnden Parteien oder ihre Unterhändler keinen Fußbreit nachgeben und Probleme nicht objektiv beurteilen, weder zuhören noch Mitgefühl für die Lage der Gegenpartei zeigen. Aus diesem Grund eskalieren viele lokalen Probleme und werden zu endlosen Dilemmata internationaler Politik. Wir glauben, dass es einen anderen Weg gibt, den Igelweg.Füchse sind wie eine Gruppe von Kindern, die Puzzle spielen. Sie horten alle Teile, die sie in die Pfoten bekommen können. Ganz gleich, zu welchem Puzzle die Teile gehören. Die Füchse tun die Teile in eine Schachtel und sagen ‚Meine‘. Die Igel hingegen sind mehr daran interessiert, was die Puzzle abbilden, welchen Zweck sie haben. Sie stellen das Puzzle als Team fertig, rahmen es und hängen es in einem gemeinsamen Raum an der Wand auf“, erklärte der Staatspräsident.
Nachwort
Die Botschaft der diesjährigen Geschichte,
von Weihnachten und vom Weihnachtsmann lautet: „Man erkennt einen Fuchs daran,
was er an Weihnachten sagt, und einen Igel daran, was er an den anderen 364
Tagen des Jahres tut.“
Fröhliche Weihnachten euch allen!
Der Weihnachtsmann,
Donald und Xi
