Der Weihnachtsmann spricht im Radio zu den Finnen … und zu allen Menschen, die ihm zuhören möchten!

Ähem … <räuspert sich>. Hier spricht der Weihnachtsmann. Guten Abend euch allen, jung und alt, groß und klein. Das Weihnachtsfest naht und aus diesem Grund möchte ich gerne ein paar Worte an euch richten, meine lieben Finnen. Die Leute vom Radio haben mir versprochen, meine Rede zur besten Sendezeit zu senden. Nun sitze ich also hier in meinem Schaukelstuhl in einem Aufnahmestudio des Senders, umgeben von Reportern, Tontechnikern und vielen anderen Radioprofis. So viele Leute für eine so kleine Rede … Ho, ho, ho – ich glaube, einige von euch sind nur aus Neugier hier! Auch euch einen guten Abend!


Anlass für diese Rede ist natürlich meine besondere Beziehung zu Finnland. Schließlich lebe ich nun schon seit über hundert Jahren in meinem Dorf im finnischen Lappland. Mir gefällt es dort ausnehmend gut, obwohl die Entfernungen zu den vielen anderen Orten, die ich an Weihnachten besuche, doch sehr groß sind. Meine Frau lässt übrigens ihre allerbesten Wünsche ausrichten und auch von den Helferlein aus dem Weihnachtsdorf soll ich euch grüßen. Der zweite und wichtigere Grund für meine Rede sind jedoch die Nachrichten, die mir meine Helfer überbracht haben. Wie ich vernommen habe, befindet ihr Finnen euch in einer festgefahrenen Situation, die entschlossenes Handeln, Wagemut oder – wie wir auf Finnisch sagen – sisu erfordert. Man sagte mir, dass ihr aber einfach nichts unternehmt. Wo liegt das Problem?


Ich habe so meine Quellen, wisst ihr. Meine Helfer sind das ganze Jahr unterwegs. Sie beobachten sehr genau, was die Menschen tun, ob groß, ob klein. Sie hören, was die Menschen sagen, und sehen, was die Menschen schreiben. Selbst die Gedanken und Gefühle der Menschen bleiben mir nicht verborgen. Gedanken lesen und den Herzen zuhören sind ab der dritten Klasse Pflichtfächer auf der Weihnachtsmannschule, wisst ihr.


Dies erinnert mich – ich weiß gar nicht warum, denn es besteht gar kein Zusammenhang mit dem soeben Gesagten – an den dritten Grund, warum ich mich über das Radio an die Finnen wenden wollte. Nun ja, sagen wir mal, ich handele auch aus Eigennutz, ha, ha, ha. Ja, ihr merkt es schon, es sind nicht meine Witze, die mir weltweit zu Sympathien und Ansehen verholfen haben. Kommen wir also zum dritten Anliegen.


Letztes Jahr habe ich ausgedehnte Verhandlungen mit den Helfern im Weihnachtsdorf geführt. Am Ende stand die Erklärung eines neuen Ziels und eines Traums der Mitglieder der Weihnachtsmann-Organisation, nämlich alle Menschen, ganz gleich welcher Religion und Herkunft, dazu zu bringen, froh über das zu sein, was sie haben, und andere Menschen wertzuschätzen, Verantwortung füreinander zu übernehmen und dankbar für erhaltene Hilfe zu sein. Ein gemeinsamer Traum von mir, dem Weihnachtsmann, und meinen Helfern ist eine Welt, in der die Menschen ihren Besitz und ihre Ressourcen aus freien Stücken gerechter miteinander teilen und friedvoll miteinander leben. Gleichermaßen wichtig ist es, dass wir uns selbst finden und anderen helfen, sich zu finden; dass wir verstehen, was wir sein können. Unser innere Frieden ist Voraussetzung für den Weltfrieden und eine Evolution ohne Revolution – theoretisch gesprochen ... Ähm, ja, damit meine ich stetigen Fortschritt, der allen nützt.


Auf meinen Reisen durch die Welt habe ich über die Jahre viel gesehen und es ist nicht immer erfreulich, was ich in den Memos meiner Helfer zu lesen bekomme. Ich kann mit Bestimmtheit sagen, dass die Finnen unzählige Gründe haben, dankbar zu sein – und das ist für niemandem in diesem Land eine Überraschung. In diesem Land lebt es sich bestens. Wir haben jede Menge Wälder, sauberes Wasser und saubere Luft sowie Platz, um Häuser und Städte zu bauen, und können große Flächen als Parks und Naturschutzgebiete bewahren. Zusammen mit anderen nordischen Ländern liegt Finnland im internationalen Länder-Ranking in Bezug auf Einkommen, Bildung, Gleichstellung, Internationalität, Wohnkomfort und Sicherheit ganz weit vorne. Es gibt kaum einen globalen Lebensqualitätsindex, auf dem Finnland nicht unter den Top 10 rangiert. Wenn wir 7,5 Milliarden Menschen nach ihrem Wohlstand, ihrer sozialen Absicherung sowie ihrer Selbstverwirklichung und Entwicklung in eine Rangliste einordnen würden, befänden sich fast alle (wenn nicht alle) Finnen in der oberen Hälfte.


Sendeleitung! Ich wollte nur kurz fragen, wie viel Zeit wir noch haben. Ah, gut, also kein Zeitlimit. Schön, dann kann ich ja mit meinen Ausführungen fortfahren. Es wäre übrigens toll, wenn eine ihrer Nachwuchskräfte zum Parkplatz rübergehen und Rudolf etwas Heu und Flechten aus dem Sack im Schlitten geben könnte. Vielen Dank, junges Fräulein. Wie war doch gleich dein Name? Leena, richtig? Du brauchst keine Angst vor Rudolf zu haben. Sprich ihn einfach mit seinem Namen an und bleib ruhig. Du kannst auch deine Kollegen mitnehmen, kein Problem.

Wo war ich stehengeblieben? Ach ja. Liebe Finnen, werdet jetzt nur nicht nervös: Ich weiß, was ihr nicht gut beherrscht, oder besser gesagt, ihr beherrscht es, aber auf die falsche Weise. Unser Brainstorming im Weihnachtsdorf hat ergeben, dass das, was ich meine, wichtig ist, um die Gründe für die Stagnation in Finnland zu finden. Meine Worte sind keine Schelte, sondern sollen euch wachrütteln. Inmitten der Geschäftigkeit, die mit den Vorbereitungen für Weihnachten einhergeht, möchte ich euch freundlich, aber bestimmt die richtige Richtung weisen; euch Ideen als kleines Geschenk überreichen, sozusagen als Geschenk von ideellem Wert inmitten all der materiellen Geschenke.


Genug der langen Vorrede, hier kommt es: Meiner Meinung nach sind die Finnen auf die falsche Weise ichbezogen. Ich bin mir sicher, dass euch diese Aussage überrascht. Egoismus ist, anders als viele Menschen denken, eine großartige Ressource und sehr nützlich, wenn er richtig eingesetzt wird. Er ist wie ein wärmendes Feuer. Diese Erkenntnis habe ich in den 300 Jahren gewonnen, in denen ich die Menschen schon beobachte.


Doch zu viele Finnen sind auf eine Weise egoistisch, die weder in ihrem eigenen Interesse noch in dem anderer ist. Finnen neiden anderen Menschen ihren Erfolg. Aus Egoismus wird Neid, wenn du glaubst, dass jemand zu Unrecht erfolgreicher ist als du. Ungeachtet der Gründe für diesen Erfolg. Diese Art des Egoismus führt zu Abwertung, zur Anzweiflung der Erfolgsfaktoren und dazu, das Erfolg zu etwas wird, das versteckt oder gar vermieden wird. „Das kriegen die nie hin“ ist in Finnland ein gängiger Kommentar oder stummer Wunsch.


Vielmehr müssen wir lernen, Siege und Erfolge anzuerkennen. Für den Lernprozess ist es wichtig, dass diejenigen, die Erfolg haben oder gewinnen oder Glück haben, die Früchte ihres Tuns mit anderen teilen. Dies können wir tun, indem wir Steuern zahlen, anderen helfen und Ressourcen spenden – gewöhnlich in nicht monetärer Form –, damit unsere Mitbürgerinnen und Mitbürgern davon profitieren. Wer gibt, erhält auch. Konstruktiver Egoismus sucht nach neuen, sinnstiftenden Wegen, Gewinne und Erfolge zu generieren und zu teilen. Eine auf konstruktive Weise egoistische Person möchte zusammen mit anderen gewinnen und Erfolg haben – als Team, als Nation, als ... Doch genug des Dramas. Schließlich spreche ich zu Finnen.


Allerdings gibt es noch mehr, was ich euch sagen möchte. Verzeiht mir, ich habe eigentlich gerade erst begonnen. Ach, und könnte ich bitte noch etwas von eurem köstlichen Glühwein mit Rosinen und Mandeln bekommen? Mmhh ... süß und heiß ... danke. So, weiter im Text.


Der finnische Egoismus nimmt eine andere Form an, die ich für falsch halte. Viele Finnen glauben, oder geben vor zu glauben, dass Wohlstand, Glück und Erfolg von ganz allein kommen müssen, ohne dass sie Mühe – oder sisu – investieren. Als wären andere Finnen dazu verpflichtet, für den Wohlstand ihrer Landsleute zu sorgen. Wenn ich diese Art des Egoismus bildlich darstellen sollte, würde ich eine Gruppe von Menschen zeichnen, die versuchen, sich gegenseitig auf die Schultern zu steigen, um getragen zu werden. Wer steht in dieser Situation mit den Füßen auf dem Boden? Wer hält die Zügel in der Hand und zieht den Schlitten, mit dem ich die Gesellschaft meine? Der Untergrund mag rutschig oder mit einer dicken Schneedecke bedeckt sein, aber der Schlitten muss weiterfahren.


Es liegt in eurer Verantwortung, liebe Finnen. Eure Pflicht ist es, mit den Füßen auf dem Boden zu bleiben und die Zügel in die Hand zu nehmen, um unser Land voranzubringen. Jeder wird irgendwann müde und wir müssen uns um die kümmern, die eine Pause brauchen oder die nicht ziehen können. Wir müssen ihnen einen Platz im Schlitten freihalten. Die Finnen müssen nur ein bisschen kräftiger ziehen, um es zu schaffen – jeder nach seinen eigenen Möglichkeiten und Fähigkeiten. Auch die besten unter uns können sich noch etwas mehr anstrengen. Dies habe ich auf meinen Reisen rund um den Globus gelernt. Zieht einfach – zieht aus Egoismus und zieht zusammen. Genießt die Anstrengung und erfreut euch an den Ergebnissen – euren eigenen und den gemeinsam erreichten!


Dies ist meine Botschaft. Das kleine Geschenk des Weihnachtsmanns zur richtigen Zeit. Ich danke euch, liebe Hörerinnen und Hörer, dass ihr trotz der Länge meiner Rede durchgehalten habt. Leider muss ich nun gehen. Weihnachten naht und der Weihnachtsmann hat seinen eigenen Schlitten, den er ziehen muss. Ich wünsche allen Menschen in Finnland und anderswo fröhliche Weihnachten und ein super egoistisches Neues Jahr!