Frustrierter Weihnachtsmann auf Sinnsuche

Oh, wo ist sie die tiefere Bedeutung des Universums und von all dem anderen … diese Leere und Sinnlosigkeit … Ich bin so erschöpft und gelangweilt … eine weitere Runde gedreht … wie viele sind es inzwischen? Ich zähle schon gar nicht mehr mit. Ich könnte es natürlich in meinen alten Tagebüchern im Gewölbe nachsehen. Sie sind jetzt sogar im digitalen Format verfügbar, aber ich bringe einfach nicht die Energie und Begeisterung auf … und mein Gedächtnis lässt mich heute im Stich.
Ich habe von Anbeginn der Zeit Tagebuch geführt und es steht alles da: die Entwicklung der Menschheit und meine Erinnerungen dessen, was ich mit eigenen Augen gesehen habe, sowie die Berichte meiner Elfen über Ereignisse, die sie erlebt haben. Ich weiß, dass es angesichts der jüngsten technologischen Fortschritte nur eine Frage der Zeit ist, bis sich jemand in meine Tagebücher hackt. Somit habe ich heute, am 26. Dezember 2018 beschlossen, hiermit meine „offizielle“ Rücktrittserklärung abzugeben. Aus diesem Grund werde ich dieses Tagebuch fortan und immerdar für mich selbst, aber auch für euch Menschen weiterführen.


Ich verspüre nicht mehr das Verlangen, ein paar Tage im Jahr kreuz und quer durch die Welt zu fahren, Familien zu besuchen und geistlose Fragen zu stellen oder dafür zu sorgen, nicht gesehen zu werden! Es erscheint mir mit einmal so sinnlos und dumm. Oberflächlich und flüchtig.
Bisher habe ich versucht, den Menschen, die an mich glauben, eine frohe Botschaft zu verkündigen und ihren Glauben an das Gute zu fördern. Die Kinder haben mir immer besonders am Herzen gelegen. Sie sind wie Knospen, die noch vor der Blüte stehen. Kinder sind offenherzig und arglos. Sie sind neugierig und wollen wissen, was es mit dem Leben und der Welt auf sich hat. Sie haben gerade erst begonnen herauszufinden, wer sie sind und wonach sie streben.


Doch ehe man sichs versieht, sind aus den Kindern Erwachsene geworden. Ichbezogene, raffgierige und überhebliche Erwachsene, die sogar sich selbst etwas vormachen. Die um materielle Dinge und Gefälligkeiten wetteifern. Völlig scheinheilig und ohne jede Veranlassung werfen Sie aus ihren gläsernen Blasen mit Steinen auf andere Menschen. Dabei fehlt ihnen jegliches Bewusstsein für ihre eigenen verzerrten und brüchigen Werte und sie können sich nicht einmal selbst eingestehen, dass sie die Augen vor ihren eigenen Verfehlungen verschließen. In welche Richtung will die Menschheit, ihre mächtigsten Anführer und die Menschen, die diese in Machtpositionen hineinwählen, diese Welt führen? Es scheint, als wollten Erwachsene alles vorsätzlich verderben. Und alles passiert vor einem Altar mit der Inschrift „ich, mein, mir, mehr, sofort“. Kein Gott, den ich kenne, würde diesen Altar gutheißen. Vor diesem Altar wird Menschen mit primitiven Echsenhirnen und kurzsichtigem Egoismus gehuldigt.


Wann passiert dies und wie kommt es dazu? Wo sind die Kinder mit ihrem Enthusiasmus für das Erlernen von Neuem, mit ihrem Vertrauen und … und … ihrer Authentizität geblieben? Ich glaube, dass ich nicht die Kraft habe, diesen scheinbar unvermeidlichen Prozess umzukehren. Während ich den Glauben an die Menschen verliere, verliere ich auch meine Daseinsberechtigung. Ich weiß nicht mehr, warum ich existiere oder diese Rolle weiter ausfülle …

Weihnachtsmann-Tagebücher, 1. Dezember 2019

Ich habe einen Blick in meine alten Tagebücher geworfen. In der letzten Zeit habe ich viel über die Zukunft nachgedacht. Ich habe mich gefragt, wer ich bin. Möchte ich mein wunderbares Wirken mit den Elfen, der Weihnachtsfrau und allen Helfern in der Weihnachtswelt von Korvatunturi fortführen? Tatsächlich bin ich zu einer Antwort gelangt. Ich habe die Kraft gefunden weiterzumachen.
Die Milchstraße, unsere Galaxie, umfasst Milliarden von Sternen. Wir leben auf einem Planeten, der einen davon umkreist. Mithilfe ihrer Teleskope haben Menschen geschätzt, dass es mindestens 2 Trillionen Galaxien geben muss. Unsere eigene Sternwarte in der Weihnachtswelt verfügt über genauere Zahlen, aber die Schätzung der Menschen ist ein guter Anhaltspunkt. Sie sollte der Menschheit eine Vorstellung davon geben, was wirklich wichtig ist. Die Antwort lautet, dass sich die Welt nicht um sie dreht.


Die Welt und das Universum sind ein Abenteuer. Es geht darum, welchen Weg wir einschlagen. An welchen Erfahrungen wir wachsen. Diese Entwicklungsgeschichte ist weder zeitlichen noch örtlichen Beschränkungen unterworfen. Alle Lebewesen existieren und entwickeln sich darin für eine begrenzte Zeit, woraufhin die nächsten nachrücken. Es ist eine ewige und nie endende Kette. Eine Art Staffellauf der Lebewesen und Ereignisse, die – trotz ihrer Unabhängigkeit und Einzigartigkeit – durch davorliegende Ereignisse, Taten und Schicksale bestimmt sind. In dieser Kette trägt jedes Glied Verantwortung.


Welche Rolle spiele ich, der Weihnachtsmann, in dieser ewigen Kette? Ich habe es jetzt herausgefunden. Ich bin ein Vermittler zwischen Gottheiten und Menschen. Ich bin ein Fürsprecher für Güte und Authentizität. Meine Hauptstärke liegt möglicherweise darin, dass ich nur in der Vorstellung existiere, nur für Menschen, die an mich glauben. Ich kann nicht beleidigt werden. Niemand muss für mich in den Krieg ziehen oder töten. Niemand muss mich verteidigen oder in meinem Namen einen Angriff starten. Und doch verkünde ich den Menschen eine Botschaft, die größer ist als ihre alltäglichen Angelegenheiten und Aufgaben.


Ich ermutige Menschen dazu, das Abenteuer und spirituelles Wachstum zu suchen, sich selbst zu ergründen und zu erneuern. An einem Tag im Jahr zeige ich, dass Ehrlichkeit, Selbstlosigkeit und Nächstenliebe wichtig und möglich sind. Ich zeige, dass man durch Geben etwas gewinnt. Wenn du gibst und mit anderen teilst, wird alles ein stückweit besser. Oder wie es ein finnisches Weihnachtslied beschreibt: „Alle Menschen sind froh, warmherzig und freundlich – warum kann nicht immer Weihnachten sein?“ Auch wenn es nur ein Tag im Jahr ist, ich bin überzeugt, dass es wichtig ist, mit gutem Beispiel voranzugehen. Jeder Tag des Jahres könnte ein wenig mehr vom Geist der Weihnacht erhalten.


Du und die anderen Menschen habt es in der Hand. Wenngleich es zuweilen so scheint, als rase die Welt auf einen Abgrund zu, und obwohl viele Menschen die Orientierung verloren haben oder zu verlieren drohen, gibt es doch auch viel Anlass zur Hoffnung. Wir brauchen Menschen, die bescheiden und zu besonderen Anlässen großzügig sind. Und noch dringender brauchen wir Menschen, die – als Teil ihrer eigenen Entwicklungsgeschichte – ihre Chancen, anderen zu helfen, erkennen und ergreifen. Wir benötigen Menschen, die ein gedeihliches Umfeld schaffen wollen, damit andere gut leben und sich entwickeln können.


Und darin liegt die eigentliche Botschaft der Weihnacht. Der Weihnachtsmann möchte nicht die Anschauungen einer einzelnen Religion vertreten. Der Weihnachtsmann steht auf der Seite aller Menschen. Er steht für Authentizität und Aufrichtigkeit. Für Einigkeit und Vertrauen. Ich stehe dir zur Seite. Glaube an mich. Und glaube an dich selbst. Ich bin dein Wille, ein besserer Mensch zu werden.
Ich sollte jetzt lieber Schluss machen und mich um die Wartung meines Schlittens kümmern. Rudolf und sein Team warten auch schon auf ihr Abendessen und ein paar Äpfel als Nachtisch. Anschließend gehen die Weihnachtsfrau und ich zur Elfenwerkstatt, wo heute unser traditioneller vorweihnachtlicher Glühwein-Tanzabend stattfindet. An Weihnachten komme ich dann auch dich besuchen. Wir sehen uns also bald wieder. Fröhliche Weihnachten euch allen!


Der Weihnachtsmann