Wach auf, Weihnachtsmann!

„Wieee bitte?!!“ Der Weihnachtsmann hätte sich fast an seinen Frühstücksflocken verschluckt, als er den Brief seines Oberwichtels las.


„Hör dir das an, Schatz. Die Elfen und Wichtel laden mich zu Verhandlungen über Mitbestimmung ein. Das ist… Das ist Meuterei!“ Er las weiter und fingerte dabei nervös an seinem Rauschebart herum. „Die Elfen und Wichtel meinen, wir im Weihnachtsdorf seien nicht auf der Höhe der Zeit. Sie sagen auch, dass Geschenke weder gerecht verteilt noch klug ausgesucht werden. Also das ist mir wirklich neu“, brummte er. „Na, na. Nun beruhige dich erstmal, mein kleiner Brummbär“, sagte seine Frau. „Deine Helferlein sind vielleicht etwas unbedarft, aber keine Dummköpfe. Ich bin sicher, sie haben einen triftigen Grund für ihr Verhandlungsgesuch. Nun iss erst einmal deine Flocken, alter Mann. Danach kannst du mit ihnen sprechen. Und reg dich nicht auf, du weißt, das ist Gift für deinen Blutdruck!“, mahnte sie.


„Ruhe bitte! RUHE!“ polterte der Oberwichtel im Großen Saal und schlug mit einem Holzscheit, den er neben dem Kamin aufgelesen hatte, auf den Tisch. Den Richterhammer hatten sie partout nicht finden können. Dies war die förmlichste Versammlung im Weihnachtsdorf, die es seit mindestens … na, sagen wir 300 Jahren gegeben hatte. „Die Versammlung ist eröffnet. Ich bitte um eure Aufmerksamkeit zur Erörterung der folgenden Probleme, die wir Elfen und Wichtel bei unseren Gesprächen mit Familien in aller Welt beobachtet haben:


1) In den reichen Ländern besitzen alle Familienmitglieder, Kinder eingeschlossen, viel zu viel Zeugs. Und sie kaufen immer noch mehr, von riesigen Einzelhandelsketten wie ToysRUs. Die zahlreichen Geschenke, die es an Weihnachten gibt, sind häufig nur ein Bruchteil dessen, was Kinder – und Erwachsene sowieso – das ganze Jahr über bekommen. Und dennoch scheint niemand zufrieden oder dankbar zu sein.


2) In den ärmeren Ländern herrscht Mangel an Waren – und leider selbst an Grundnahrungsmitteln und sauberem Wasser. Unsere Verteilerlisten für diese Länder sind seit Jahrzehnten, wenn nicht Jahrhunderten nicht aktualisiert worden. Und es gibt Länder, die der Weihnachtsmann noch nie besucht hat! Aber es sind genau diese Länder, in denen die Menschen dringend Hilfe benötigen.“

Auf diese Worte des Oberwichtels folgte betretenes Schweigen im Großen Saal. Der Weihnachtsmann erhob sich. Er hatte über die Einladung und die Ansprache seines getreuen Helfers nachgedacht. „Du hast Recht.


Hat jemand einen Vorschlag, was wir tun können? Die Diskussion ist eröffnet.“ Mit einem Mal brach großer Trubel im Großen Saal aus und alle redeten wild durcheinander. Die Helfer des Weihnachtsmanns sind schon ein quirliges Völkchen… ernst schauen sie meist nur dann drein, wenn sie im Golden Buch nachschauen, wie brav man gewesen ist. Das bunte Durcheinander nahm kein Ende. Besonders die Wichtel waren so außer Rand und Band, dass sie übereinander kletterten und ihre Hände und Füße emporstreckten. Eine alte Standuhr drohte umzukippen und die Katze der Weihnachtsfrau huschte aus dem Saal, um sich in Sicherheit zu bringen.


„Wer möchte Eiscreme?“ rief plötzlich jemand an der Tür. Die Weihnachtsfrau war mit einer riesigen Schale Eiscreme in den Armen gekommen. Sie hatte die Ansprache des Oberwichtels, die Frage ihres Mannes und den darauffolgenden Tumult gehört. „Lasst uns alle eine ordentliche Portion Eis verspeisen, damit sich die Gemüter ein wenig abkühlen. Danach solltet ihr zwei Arbeitsgruppen bilden. Die erste Gruppe könnte darüber nachdenken, was für Geschenke die Menschen in den reichen Ländern in Zukunft erhalten sollen. Die andere Gruppe soll entscheiden, was die Menschen in den ärmeren Ländern benötigen. Kommt danach alle wieder in den Großen Saal, um gemeinsam zu ermitteln, was dies für den Betrieb im Weihnachtsdorf bedeutet.“ So lautete der Rat der Weihnachtsfrau. „Möchte noch jemand einen Nachschlag?“, fügte sie hinzu. Das hätte sie lieber nicht fragen sollen. Hände und Füße wirbelten erneut durch die Luft, während die Helfer versuchten, noch etwas von der leckeren Eiscreme zu ergattern.


„Nun. Wie lauten die Ergebnisse der beiden Arbeitsgruppen“, fragte der Oberwichtel, als alle Elfen und Wichtel nach teilweise turbulenten Gruppenbesprechungen wieder beieinander waren. „Gruppe 1, ihr seid an der Reihe.“Ein allseits bestens bekannter Wichtel erhob sich. Er war für die Holzwerkstatt im Weihnachtsdorf verantwortlich. Er rückte seine Wichtelmütze zurecht, um besser sehen zu können, räusperte sich, stellte sich auf die Zehenspitzen, um größer zu erscheinen, und sprach mit bedeutungsschwangerer Stimme: „Unserer Ansicht nach sollten materielle Geschenke in den reichen Ländern reduziert werden. Was diese Länder brauchen, sind Gemeinschaftlichkeit, Mitgefühl, Altruismus und Dankbarkeit. Die Menschen in diesen Ländern haben ihre ideellen Werte verloren und machen andere und die Gesellschaft für ihre Probleme verantwortlich. Weihnachten sollte eine Quelle wahrer Freude für sie sein und kein hektisches Treiben, das ihre Regale und Schränke nur noch mehr füllt.“


„Wunderbar. Und nun die Ergebnisse von Gruppe 2, bitte“, verkündete der Oberwichtel unter Applaus, beipflichtendem Trampeln kleiner Füße und johlendem Beifall. Eine Elfe am Kamin stand auf. „Unsere Gruppe schlägt vor, materielle Geschenke auf Länder und Haushalte auszudehnen, die vom Weihnachtsmann noch nie besucht worden sind. In vielen Haushalten fehlt es an Kleidung, Spielsachen sowie Haushaltsgeräten“, erläuterte sie das Ergebnis, zu dem die zweite Gruppe gekommen war. Raten Sie mal, was die kleinen Helferlein danach taten!? Nun, sie stimmten natürlich erneut ein aufgeregtes Stimmengewirr an.


Der Weihnachtsmann stand auf, um das Wort an seine Helfer zu richten: „Gut gemacht, liebe Gruppenmitglieder! Ich danke euch allen. Durch eure Ausführungen ist mir klar geworden, dass wir hier im Dorf ein paar Änderungen einführen müssen. Doch wie können wir unsere Ziele erreichen?“ Nach einem längeren Moment des Schweigens stand eine unscheinbare kleine Elfe mit blonden Zöpfen auf. Sie war so klein, dass sie in der Menge kaum zu sehen war. Sie nahm all ihren Mut zusammen und verkündete: „Wir müssen zusammen mit den Erwachsenen in den Wohlstandsländern ein Netzwerk schaffen. Wir müssen sie zum Umdenken bewegen.Schließlich können wir hier im Dorf keine Gefühle herstellen und verschenken. Wir müssen lernen, die Menschen und ihre Träume und Fantasien zu beeinflussen. Die Menschen selbst müssen ihre Denkweise ändern“, sprach das Elfenmädchen ihre Gedanken laut aus. „Den Menschen in den ärmeren Ländern müssen wir zu Bildung, Gesundheit, Konfliktmanagement und Frieden verhelfen. Fähigkeiten, um ihr Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen. Und alle unsere materiellen Geschenke sollten in diese Länder gehen. Wir müssen auch versuchen, die ganzjährige Hilfe der wohlhabenden Länder für ärmere Länder zu verstärken“, fuhr sie fort.


„Genau“ raunte es durch den Großen Saal. Nun war der Weihnachtsmann an der Reihe, ein paar Worte zu sagen. „Hab dank für diese hervorragende Zusammenfassung. Für mich ist diese Versammlung ein wichtiger Weckruf gewesen. Wir sollten nicht völlig auf materielle Geschenke verzichten, aber sie dahin bringen, wo sie wirklich benötigt werden. Wir müssen uns von Gabenüberbringern zu Überbringern froher Botschaften wandeln, Botschaften von Zuversicht, Hoffnung und Frieden. Wir müssen lernen, die Menschen das ganze Jahr hindurch zu beeinflussen, im Verborgenen. Wir wollen sie dabei unterstützen, Gutes zu tun, Zufriedenheit zu finden und zu schenken. Sie müssen lernen zu geben statt zu fordern, zu vertrauen statt zu zweifeln und zu unterstützen statt zu verurteilen oder zu beneiden. Und dies immer wieder aufs Neue tun. Selbst dann, wenn andere Menschen um sie herum dies nicht tun. Wir alle hier im Weihnachtsdorf können Vorbilder für den Weltfrieden und Selbstlosigkeit sein, ganz gleich, welchem Glauben wir angehören. Vor uns liegt so viel Änderungsmanagement bei uns selbst und bei anderen, dass wir die nächsten 300 Jahre beschäftigt sein werden.“


Und damit endet dieses Märchen. Wie Sie sicher erraten haben, wurde das lautstarke Treiben der kleinen Helfer nach der Rede des Weihnachtsmanns nur noch lauter und dauert möglicherweise noch an. Vielleicht werden sich die Reformen im Weihnachtsdorf bereits dieses Jahr darauf auswirken, wie wir alle Weihnachten feiern. Ihnen und Ihren Lieben ein frohes und besinnliches Weihnachtsfest 2015!


Pekka