Weihnachtsgespräch zwischen dem Weihnachtsmann und seinem Helfer
„Guten Morgen, Pekka“, sagt der Weihnachtsmann. Dabei erhebt er sich von seiner Bank und begrüßt mich mit Handschlag. Die Hand des Weihnachtsmanns ist groß, und sein Händedruck ist fest, aber sanft und herzlich.
Weihnachtsmann: „Ich hoffe, du schläfst fest. Ich möchte mich gern mit dir unterhalten. Du warst viele Jahre lang mein eifriger Helfer und hast vor Weihnachten viele Geschichten geschrieben. Es ist Zeit, dass wir uns hinsetzen und uns in Ruhe und ohne Eile unterhalten. Wie viele Geschichten sind es genau?“
Pekka: „Ich habe 2015 angefangen und jedes Jahr eine Geschichte geschrieben. Derzeit sind es sieben ...“ Ich murmle begeistert vor mich hin, drehe mich auf die andere Seite und schiebe meine linke Hand unter das Kissen. „Ich glaube diese Geschichte wird die Nummer acht.“
Weihnachtsmann: „Ich sehe, dass dich philosophisches Denken, die Definitionen und die Relativität von Gut und Böse, der Sinn des Lebens sowie die Eigenschaften und die Bedeutung des Universums interessieren. Moralische Werte sowie die Rechte, Pflichten und Verantwortlichkeiten des Menschen und der Menschheit spielen auch eine Rolle in deinen Geschichten. Ich habe mir gedacht, wir könnten uns über das alles unterhalten – in keiner bestimmten Reihenfolge. Wir können quasi ein bisschen vor uns hin sinnieren“, meint der Weihnachtsmann.
Pekka: „Mit der Welt, genauer gesagt mit der Welt der Menschen, scheint es abwärts zu gehen. Wir alle als Individuen, jedenfalls in den westlichen Ländern, vollbringen angeblich gute Taten füreinander, für unsere Gesellschaft, für andere Nationen sowie für die Erde und das Leben, das sich darauf befindet. Auf globaler Ebene kann es schwierig sein, zu erkennen, was diese Taten gebracht haben, wenn die Menschen und Länder sich fast immer aus Egoismus und Eigennutz für ein bestimmtes Vorgehen entscheiden. Sogar zu Weihnachten wird statt verschiedener kleiner Spenden viel mehr das Verschenken von Sachgegenständen betont, die den Überfluss unserer Lieben nur steigern. Ich glaube, es besteht eine starker Drang zur Selbstlosigkeit oder zur Hingabe, mit dem man versucht, sich für das vergangene Jahr zu vergeben und sich die Erlaubnis zu geben, die nächsten 364 Tage so weiterzumachen.“
Weihnachtsmann: „Interessant, wenn du sagst, dass ‚man versucht, sich zu vergeben‘. Gilt das nicht auch für dich selbst? Wenn wir den christlichen Glauben einmal außer Acht lassen, hast du doch in einer deiner Geschichten erklärt, dass ich, der Weihnachtsmann, sinnhaft für den Willen stehe, ein besserer Mensch zu werden. Dass mit anderen Worten jeder die Sehnsucht, die Hoffnung und den Wunsch hat, ein besserer Mensch zu sein. Nach einer höheren Stufe der Menschlichkeit zu streben – gut zu sein, was auch immer das ‚Gute‘ sein mag. Dieses Ziel wird überall verfolgt. Und der Weihnachtsmann ist nur ein Sinnbild für dieses fortwährende Streben. Daher will ich dich fragen: Was machst du anders, um deine Kritik an anderen und dein allgemeines Missfallen über die Menschheit und das Menschsein zu rechtfertigen?“
Pekka: „Du triffst wirklich den Nagel auf den Kopf. Das habe ich mich selbst schon gefragt – und zwar schon oft. Eine gute Antwort habe ich nicht. Ich denke, was mich vielleicht ein bisschen von der Mehrheit unterscheidet, ist die Tatsache, dass ich meine Unvollkommenheit erkenne. Mir ist klar, dass gleich mehrere Finger auf mich zurück zeigen, wenn ich mit dem Finger auf andere zeige. Aber natürlich erfüllen die Weihnachtsgeschenke und die Hingabe für die Menschen genau diesen Zweck. Den Leuten ist klar, dass sie nicht perfekt sind. Wer sich seiner Unvollkommenheit bewusst ist, kann reumütig sein und bedauern. Aus irgendeinem Grund bringen wir es nicht fertig, nur zu tun, was gut und richtig ist.“
Weihnachtsmann: „Du sagst also, dass du nicht anders bist als andere Leute?“
Pekka: „Ich denke nicht. Um auf deine Frage zurückzukommen – ich sehe den Menschen oder das Menschengeschlecht nicht NUR als eine Wesenheit, die anfällig ist für Doppelmoral und Heuchelei, und die auf viele Arten unvollkommen ist. Es steckt ebenso viel Gutes in uns: wahre Aufrichtigkeit, Selbstlosigkeit und Nächstenliebe. Das ist, glaube ich, ein wichtiger Punkt. Den meisten Menschen ist deutlich bewusst, was richtig und was falsch ist. Daher sollte dieses Bewusstsein eine wesentliche Grundlage für unsere Entscheidungen sein. Es gibt aber auch ein bekanntes Sprichwort, das besagt: Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert.“
Weihnachtsmann: „Ja. Richtig und Falsch. Gut und Böse. Laut deiner Definition bin ich so alt wie die Menschheit. Ich habe den Aufstieg deiner Spezies vom Affen zum derzeitigen Herrscher dieses Planeten erlebt. Dabei habe ich auch erkannt, dass Gut und Böse relativ sind – abhängig vom Blickwinkel des Betrachters und dem Kontext. Der Zeitrahmen spielt ebenfalls eine große Rolle.
Nach heutigem Wissensstand der Menschen starben vor etwa 70 Millionen Jahren circa 90 % der damaligen Tiere aus. Heute gibt es auf der Erde mindestens 2 Millionen verschiedene Arten von Organismen. Es wird davon ausgegangen, dass es mehr unbekannte als bekannte Arten gibt. Drei Viertel aller bekannten Arten werden als Tiere und ein Viertel als Pflanzen eingestuft. Das Leben erweist sich sogar als noch wundersamer. Denn mit zunehmendem Wissen hat sich die Grenze zwischen dem Belebten und dem Unbelebten sowie die Grenze zwischen Pflanze und Tier verwischt. Derzeit gibt es keine eindeutigen Definitionen. Glückselig ist am Ende doch der Unwissende! Ist Wissen also schlecht für dich?
Lass uns noch einmal auf die Relativität und den Zeitrahmen zurück kommen. War das Aussterben in deinen Augen ‚gut‘ oder ‚böse‘?“
Pekka: „Deine Betrachtung ist sehr zeitgemäß. Denn höchstwahrscheinlich haben die Menschen das Aussterben und einen drastischen Rückgang bei der Anzahl vieler Lebewesen verursacht – und tun dies weiter. Schon allein große Säugetiere und andere Tiere, die mit bloßem Auge sichtbar sind, sind in freier Wildbahn deutlich weniger geworden, während die Biomasse der Menschen selbst und ihrer ‚Fleischlieferanten‘ in ein paar hundert Jahren massiv zugenommen hat. Wenn ich also ernsthaft darüber nachdenke, wie man angesichts dieser Entwicklung etwas ‚Gutes‘ beitragen könnte, bin ich mir nicht sicher, ob ich diese Überlegung in einem Zeitrahmen von 20, 200.000 oder 20 Millionen Jahren betrachten soll. Ist es die optimale Lösung, sich um den Erhalt des Lebens auf der Erde in der gegenwärtigen Situation zu bemühen? Oder sollte man die Wiederherstellung des Zustands beispielsweise des 19. Jahrhunderts oder der eigenen Kindheit anstreben? Und sprechen wir über die Lage, wie sie wirklich war, oder über unsere eigenen sehr begrenzten Vorstellungen von Vergangenheit und Gegenwart auf der Erde? Oder sollten wir einfach weitermachen und die Situation ignorieren? Uns den Konsequenzen des Wandels anpassen? Was jedoch, wenn die Spezies Mensch das nicht übersteht? Was sollen wir also tun? Sag du es mir. Du bist der Weise.“
Weihnachtsmann: „Der Zeithorizont schränkt das Denken einer lebenden Person vielleicht am deutlichsten ein. Ein Politiker wird seine Wiederwahl in vier Jahren im Kopf haben. Andere – du eingeschlossen – denken über die Welt und ihren Wandel nach, machen sich Gedanken über ihre Einflussmöglichkeiten zu Lebzeiten und über die nächsten Generationen. Der Blick ist höchstens 100 bis 200 Jahre in die Zukunft gerichtet. Die Perspektive beschränkt sich auf den eigenen Alltag und erstreckt sich vielleicht auf wenige Tage, Wochen oder Monate. Wir können mit Recht sagen, dass es sich dabei um selbstbezogene Kurzsichtigkeit handelt. Und deshalb werden Gut und Böse auch leicht als unmittelbare und subjektiv erlebte Folgen von Geschehnissen definiert. Genauer gesagt, als Folgen, die eine Person selbst, deren Lieben und den engen Freundeskreis betreffen. Ich will niemanden beleidigen, aber je weiter ein Ereignis zeitlich, geografisch, kulturell oder anderweitig von einer Person entfernt ist, desto weniger interessiert und berührt es sie. Diese Aussage hilft dir vielleicht nicht besonders weiter, aber besser kann ich es nicht ausdrücken.
Ich kann den Menschen nur einen Spiegel vorhalten und in ihrer Vorstellung mit ihnen darüber sprechen, worauf sie ihr Streben nach dem Guten ausrichten können – so wie ich es jetzt mit dir tue. Der Philosoph Sokrates hat uns gelehrt, dass Philosophie nicht ausschließlich etwas ist, worüber wir nachdenken oder diskutieren. Die wahren Werte eines jeden zeigen sich nicht in Worten, sondern in Taten und in dem Leben, das man geführt hat. Was dich angeht, musst du – innerhalb der Grenzen deiner Mittel – deine eigenen Werte finden und selbst entscheiden, wie deine Handlungen aussehen.“
Pekka: „Vielleicht zeigt sich mit der Zeit der Bedarf an Philosophie, Ideologien, Überzeugungen und Religionen. Wir Menschen brauchen die Vergegenwärtigung von etwas Zeitlosem, etwas Bedeutungsvollem und Ewigem, nach dem wir in diesem endlichen Leben streben können. Richtungsweiser für ein besseres Ich und eine bessere Welt. Orientierungshilfe und Rat, was Gut und Böse bedeuten. Wie man ein gutes Leben lebt. Wie man ein guter Mensch ist.“
Weihnachtsmann: „Ganz genau. Denke auch daran, ehrlich und barmherzig zu sein, wenn du deine Rolle in einem größeren Rahmen des Lebens betrachtest. Verlange nichts von anderen, was du selbst nicht erfüllen kannst. Erwarte nicht, dass die Menschheit eine Bedeutung des Universums versteht, die noch außerhalb ihrer Reichweite liegt. Beschreite weiter deinen Weg und unternimm Schritte in die richtige Richtung. In die Richtung, die dein Herz dir sagt.
Im Laufe der Jahrhunderte haben die Menschen viele Anleitungen für ein besseres Leben verfasst. Im Namen der Philosophie, der Götter und der Religion. Selbst wenn du an keinen Gott glauben willst, kannst du nicht leugnen, dass der Geist des Neuen Testaments sowie die Lehren und Ideen Jesu, der Gott und Mensch zugleich war, auch deiner Ansicht nach größtenteils gut sind. Eine gute Anleitung bleibt eine gute Anleitung – egal wie rätselhaft ihre Ursprünge auch sein mögen.
Du willst Weihnachten zu einem Fest machen, das die Menschen – unabhängig von ihrem Glauben – an das Gute und an das Streben nach dem Guten erinnert. Vielleicht kann ich, der Weihnachtsmann, ein unverfälschtes, modernes Vorbild für eine bessere Menschheit sein. Sodass es bei den Weihnachtsfesten der Menschen die Momente kindlichen Staunens und aufrichtiger Güte geben kann, nach denen ihr alle sucht.
Es mag sein, dass die heutige Welt den Kommerz betont und die ursprüngliche Weihnachtsgeschichte in den Hintergrund rückt. Vielleicht ist das aber auch gar nicht der Fall. Dieses Weihnachten werden die Menschen erneut nach Ruhe, Nähe, Spiritualität und Sinnhaftigkeit suchen, für die es keinen Preis gibt. Weihnachtsgeschenke, Spenden und freundliche Gesten zur Weihnachtszeit bereiten den Weg für Besserung.“
Weihnachtsmann: „Ich hoffe, du wirst noch viele weitere Jahre mit mir zusammen arbeiten. Versuche stets, das was du predigst, auch zu leben. Gute Nacht, Pekka. Ich wünsche dir, deinen Lieben und deinen Lesern frohe Weihnachten.“
Pekka: „Hhhrrrrrrggghhh…pfff…zzzz...“
